Roman von Lars Popp. Online-Veröffentlichung, 2012. Vorauss. Update für 2020/21.

Aber natürlich: Um die Sphärenmusik und die Sprache der Gottheit in eine Schrift bannen zu können, dafür braucht man die Ziffern! Als Komponente der Zeit. Bilden die Runen nichts anderes als eine archaische Beschwörungsformel? Die erste Handlungsanweisung: erst dieser, dann jener Ton, von einer Ausgangs- zu einer Ankunftssituation; das erste Weltenprogramm, das Vergangenheit und Zukunft, wahr oder falsch entstehen ließ? Darum der Drang, an den Anfang zu gehen: Nur wo die Spaltung entstand, kann sie überwunden, der Spelltext Schwelltext Über-Quelltext neu geschrieben werden. Dixit Algorizmi – hättest du das gedacht, Muhammadmusa?
Löst aber nicht die heikle Frage: War jener alles lostretende Deep Algorithm bereits fehlerbehaftet, gar Paragraf, mithin danebengeschrieben? Oder wurde die Schöpfung erst durch die Permutationen und Raubkopien, den ständigen Abtastungen danach zum Mängelexemplar?

Roland Iobst, 33, studiert und dennoch eher erfolglos im Leben, wagt einen erneuten Annäherungsversuch an seine Jugendliebe Carola – und erlebt endgültig sein Waterloo. Grund genug, sich wieder in seine Gedankenspiele zu flüchten. Die wachsen sich zu einer Schnitzeljagd in der deutschen Literatur aus, die immer tiefer in die Vergangenheit eines welterschütternden Geheimnisses vorstößt. Bald spielen nicht nur Karl der Große oder die französischen Katharer-Ketzer tragende Rollen – es treten auch mysteriöse Doppelgänger, mächtige Organisationen und Experten nordischer Mythologie auf den Plan, um Roland sein Wissen abzujagen. Wem ist noch zu trauen? Ungeheure Fakten und uralte Fiktionen wirbeln durcheinander: bis sich der wahre Gegner offenbart.

Der Roman entblättert eine quasi-satirische Chronik des Krisen­jahrs 2001 zwischen Schein und Sein und verschneidet Ritter-Sage mit Kolportage, die Langsamkeit des Bildungsromans mit der schnellen Oralität des Netzes. Es werden ein Stück Zeitgeschichte und Lebensgefühl am Beginn der Nuller Jahre, Wandelungen und immer noch Reaktionäres der Berliner Republik festgehalten und eine Übergangs(männer-)ge­neration porträtiert, die zwischen faschistoiden Verschwörungstheorien und neuer globaler Mittelklasse, zwischen Massenkultur und Kopfarbeit, traditionsgeprägter Provinz und gender politics ihren Platz im neuen digitalen Zeitalter zu finden versucht.

Rowland oder X-te Quest zum Unicode gab es hier seit 2012 als “Permanent Beta” online zu lesen, wird aber derzeit umfassend überarbeitet. Die “Ausgabe dritter Hand” erscheint vorauss. 2020/2021 und ist Teil einer losen Tri­logie, die sich aus unterschiedlichen Perspektiven der Digitalisierung Vernetzung Globalisierung unserer Jahrtausendwende-Wirklichkeit zu nähern versucht.

Bisherige öffentliche Lesungen:

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