Das Gefühl: »Passiert das jetzt wirklich? Das passiert jetzt nicht wirklich, oder? Doch, das passiert jetzt wirklich!«, lernte ich das erste Mal bei einem Autounfall vor knapp zwanzig Jahren kennen. Während mein Toyota aus Unachtsamkeit von der Straße abkam und sich in den Graben auf der Gegenfahrbahn wie eine Schraube hineinbohrte, schien die Zeit sich extrem zu verlangsamen, die Wahrnehmung außerordentlich geschärft zu werden. Sekunden vergingen wie Minuten, alles war klar, scharf, hell. Aber dennoch unwirklich, wie ein direkt in mein Gehirn projizierter Kinofilm, außerhalb meiner Kontrolle, während zugleich irgendwelche Hormonausschüttungen irritierendes Lebendigkeitsgefühl durch meinen Körper spülten; ein paar Tage fühlte ich mich geradezu angefixt und zugleich aus der Bahn geworfen davon.

Das zweite Mal überfiel mich etwas Ähnliches, wenn auch nur als Zuschauer, am Elften September. Dann in zunehmender Frequenz, in Abwechslung von direkter Beteiligung und Nichtbeteiligung, bei gleichzeitiger Abstumpfung: 2008 (Immobilienblase), 2011 (Fukushima), 2015 (sogenannte Flüchtlingskrise), 2016 (Trump, Brexit), mit jeder weiteren Grenzüberschreitung der Rechtspopulisten. Kürzlich überfiel mich dieses Gefühl ähnlich intensiv wie 2001: Beim Anschlag in meiner Nachbarstadt Hanau.

Jetzt ist es voll und ganz wieder da wie in meinem Toyota. Nicht plötzlich, sondern über eine knappe Woche angewachsen. Und es hält immer noch an. In perfider Ultrasuperzeitlupe – übertroffen nur von der Klimakatastrophe –, die indes jeden Tag exponentiell an Tempo zulegt, kommen wir immer ein Stückchen weiter ab von der Straße des Alltags.

Doch, das passiert jetzt wirklich. Der Unfall ereignet sich wirklich. Die kinetische Energie des Ereignisses trifft dich wirklich. Du fährst in den Graben. Wir fahren in den Graben. Ich, du und wir: Keiner schaut jetzt mehr nur zur. Wir sind jetzt alle beteiligt, mittendrin, statt nur dabei.

Zu gerne möchte man jetzt, würde die Welt wie ein analoger Kassettenrekorder funktionieren, auf Vorspulen drücken, um einen Blick auf die Post-Corona-Welt werfen zu können. Auf das kulturelle soziale politische Umfeld. Fest steht: Es wird einiges zwangsweise auf Reset gesetzt werden.
Aktuell bleibt nur das Mitschreiben. Während die Welt dabei zusieht, wie Corona als Super-Influenza/er unfreiwillige Follower einsammelt und zu unser aller zentralem YouTube-Kanal, zum Master-Control-Programm wird, schneller als alle unsere Bewertungen und Kommentare dazu.

Krisen kehren das Schlechteste und Beste im Menschen hervor, heißt es. Jetzt wird sich zeigen, wie die Menschen wirklich sind. Hinterher wird sich niemand herausreden können.

Unser Gesellschaftssystem, in dem die Ökonomie als letzte und einzige große Erzählung alle übrigen geschluckt hat, nährte sich bisher von dem Bild, dass der Mensch dem Menschen ein Wolf ist. Der Raubtieregoismus sei dem Sozialen vorgelagert. Diese Kampfhaltung über einen »Markt« auszutragen, der zugleich mit unsichtbarer Hand als Schiedsrichter agiert, ermögliche erst die Hervorbringung des Besten für alle; Moral davon ein sekundäres Abfallprodukt.

Die Wissenschaft hingegen geht zunehmend vom Umgekehrten aus: Einfühlungsvermögen, selbstloses Handeln ohne direkte Gegenleistung und das Streben nach Gleichheit hätte dem Menschen einen Großteil seiner evolutionären Vorteile gegenüber anderen Spezies erst ermöglicht. Dieses Programm sei der Wesenskern.

Hat also bloß ein bescheuert-falsches Bild vom Menschen, das wir uns selbst eingeredet haben, uns alle an den Rand des ökologischen Zusammenbruchs geführt? Oder sind wir doch gnadenlos zum Massenselbstmord verdammt? Ist das Virus gekommen, um uns dabei schon mal etwas Arbeit abzunehmen? Ist es eine Abstoßungsreaktion der Erde? Ist es von Gott oder Außerirdischen auf die Erde gesandt worden, um uns wieder auf den rechten Weg zu führen?

Konkurrenz oder Kooperation. Jetzt wird gewissermaßen der globale empirische Nachweis über den stärkeren Urinstinkt geführt. Schon feiern manche voreilig den Sieg des Letzteren. Hoffen wir nicht nur, sondern arbeiten mit daran, dass dies auch dann noch stimmt, wenn wir am Gipfelpunkt der Krise sind. Und die persönliche Betroffenheit – sei es gesundheitlich oder ökonomisch – nochmal eine andere.

In jedem Fall, wenn wir uns dann nachher die Protokolle des weltweiten Experiments ansehen, wird über deren Deutung zu reden sein. Und die Konsequenzen für unser Zusammenleben in der Zukunft.

Vorerst sind wir mittendrin.

Die Krone vs. Corona der Schöpfung.

Bild von Gordon Johnson auf Pixabay

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