Lesen!:
Das Theater soll uns in bester Biedermeier-Tradition ein ideales Leben vorspielen und uns das Gefühl geben, daran teilzuhaben. Dieses nur notdürftig kaschierte Kuschelbedürfnis hat sich absurderweise auch längst in jenes Theater eingeschlichen, das den Anspruch hat, ein politisches zu sein. Das Theater unserer Tage macht sich der Politik ähnlich, anstatt diese zu unterlaufen oder gar aus der Position der Autonomie, des riskanten Experiments, vielleicht auch des Scheiterns heraus ganz neue Horizonte aufzuzeigen und so andere Lösungsansätze zu entwickeln. Bloß keine Unschärfe. Und schon gar keine Ironie. Keine Verunsicherung. Alles soll seine Richtigkeit haben und gut und nützlich sein. Das Theater als Fortsetzung des Leitartikels.(...) Meine Strategie war stets, dass der Kritisierende sich selbst ins Zentrum der Kritik stellen muss, um glaubwürdig zu sein.(...) Wir sind Ödipus. Egal wie kritisch wir uns mit den Ursachen der Pest auseinandersetzen, wie sehr wir dagegen sind und wie schön wir dies in einem einfachen Hauptsatz formuliert kriegen: Wir sind es selbst! Sich dieser Erkenntnis auszusetzen und damit umzugehen, wäre die Aufgabe des Theaters. Ohne sich hierzu zu verhalten, wird kein zeitgenössisches Theater wirklich politisch und aufrichtig sein. Nicolas Stemann: Wir sind Ödipus. Überlegungen zum politischen Theater der Gegenwart
Zunächst einmal bleibt zu attestieren, dass da etwas total schief gelaufen ist mit dem Internet. Da lagen Potentiale drin, aber es scheint mittlerweile komplett erfasst von der schnöden Logik des Kapitals, da scheint nur noch die schwarze Sonne der Langeweile. Vielleicht sollte man sich davon abwenden. Hans-Christian Dany: "In einer Utopie der Idioten sehe ich die größte Gefährdung für die kapitalistische Maschinerie" - TELEPOLIS
Das ist natürlich Rhetorik. Deshalb lasse ich das auch mal so unkommentiert zum Nachdenken stehen. Zumindest für Facebook kann ich aber sagen, dass es mich mal wieder im Finger juckt, meinen Account zu löschen. Einerseits, weil ich nach arbeitserzwungener Abstinenz im halten Jahr aktuell nicht so recht wieder reinfinde. Vielmehr sogar feststelle, dass ich es kaum vermisse und die wiedergewonnene Zeit anderweitig gut zu nutzen weiß. Und dann kam noch diese neueste Meldung von netzpolitik.org über die neuesten Änderung der Nutzungsbedingungen, die Nutzer endgültig zu Werbeträgern macht. Aber wahrscheinlich bleibe ich dann doch dabei. Wie ihr alle. Nachtrag am 06.09.:  Nun bezieht also auch Günther Grass Position:
„Ich wundere mich, dass nach diesen neuesten Erkenntnissen nicht Millionen Menschen von Facebook und all dem Scheißdreck distanzieren“.
Na, wenn der das sagt! Oder will er nur konservative Stimmen zur SPD locken? ... ;-) Den Regierungswechsel werden sie wohl trotzdem nicht schaffen ...

Festivalkater und finales Buchkämmen

Es ist geschafft! Ich leihe mir die Worte meiner Orga-Kollegin Julia Hansleimer: 13 Nationen, 66,871km Anreise aus aller Welt, 239 Gastkünstler (davon: 165 aus dem Ausland), 81 Veranstaltungen, 116.432 Telefon-Minuten, 10.745 Mails, 478,6 Liter Kaffee, 63 Versionen Grob-Dispo, 11 Korrekturfahnen Deckblatt Arbeitsbuch, 8.748 Blatt Papier, 42.500 Flyer, 367 kopierte CD/DVDs, 9 Tage Festival, durchnschnittlich 40h Schlaf ... Ich benötigte erstmal ein paar Tage, um in den Alltag zurückzufinden...

Eine schöne Nikolaus-Bescherung: Das Theater Trier scheint vorerst aus der Sparkurs-Schusslinie zu sein. Deutlich gestiegene Zuschauerzahlen der letzten Spielzeit haben das ermöglicht. Natürlich freut mich dabei besonders, das meine PHYSIKER einen gewissen Anteil daran gehabt zu haben scheinen:
Wobei freilich die durchaus unkonventionell inszenierten "Physiker" der eindeutige Favorit waren.
Ein Zitat des Soziologen Dirk Baecker, das ich heute in einem Interview las, beschäftigt mich schon den ganzen Morgen in meinen Überlegungen, wie das Theater noch stärker auf die Netzwerkgesellschaft reagieren und sich zu einem Internetheater wandeln müsste. Leider habe ich gerade keine Zeit, meine Gedanken dazu hier weiter auszuführen. Aber vielleicht mag ja jemand von euch da draußen stellvertrend heftig zustimmen oder widersprechen?
Die Performance greift tiefer und thematisiert die Lage des Individuums am Ende der Buchdruckgesellschaft und im Übergang zur Computergesellschaft. Es macht einen Unterschied, ob ich es mit Individuen zu tun habe, die sich im Umgang mit Büchern zu kritischen, wenn auch immer etwas idealistischen Lesern gebildet haben, oder mit Individuen, die mit ihren Suchmaschinenrecherchen, mit ihren social media accounts und mit ihren Abhängigkeiten von den Algorithmen ihrer Computerprogramme versuchen, ihrer eigenen Nervosität Herr zu werden, und dabei die Nervosität aller steigern. Die Performance ist in meinen Augen der radikale Blick auf das, was vom Menschen bleibt, wenn man ihn nicht aus den Kontexten heraus, in denen er sich bewegt, immer schon zu gut versteht. (...) Künstler notieren das Ende des kritischen Lesers und des authentischen Bürgers und suchen nach Bildern, Gesten und Tonfällen, die den Menschen als Chamäleon in den Netzwerken der Computergesellschaft kennzeichen. Dirk Baecker/Matthias Lilienthal/Tobi Müller: "Hoffnung auf Ereignishaftes in der Erwartungserfüllungsanstalt". In: Import Export. Arbeitsbuch zum HAU Berlin. Berlin: Verlag Theater der Zeit, 2012, S. 15f.

Kunstorte zu Kirchen – mit Ideenterrorismus

Warum der UNkreativwirtschaft mit ihrer unverhältnismäßigen Niedriglohnausbeutung nicht von unerwarteter Seite begegnen? Wenn wir das Netztheater wollen, müssen wir dann nicht auch jenes wollen, was ich kürzlich in des Postdramatikers Utopie hineinkommentierte? In der Tat schafft sich die Kunst ja wirklich selber ab, von zwei Seiten ämlich: Einmal, weil sie beinahe nur noch Ware ist (man lese dazu die feine Kunstkritik Wilfried Dickhoffs: “Das Zuvorkommende”). Und dann, weil...

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