Nichts auf der Welt ist mächtiger als eine gute Geschichte.
Nichts kann sie aufhalten, kein Feind vermag sie zu besiegen.

Tyrion Lennister in Game of Thrones

Wovon, liebe Kinder, wäre noch alles zu erzählen? Vom Verdacht eurer Mutter vor ein paar Tagen, sich infiziert zu haben und damit womöglich den gesamten Insolvenzprozess ihrer Firma zu erschweren? (Getestet wurde sie nicht, die Symptome war’n zu gering, aber dennoch krankgeschrieben, immerhin). Von der historischen Merkel-Macron-Allianz zum Wiederaufbau Europas, für den D plötzlich einen Teil seiner Austeritätspolitik aufgab? Von all den weiteren Riesenpaketen, die die GroKo zur Konjunkturbelebung geschnürt hat, darin enthalten auch ein Kinderbonus – damit eure Zukunft aber womöglich mit weiteren Schulden belastet hat? Davon, wie es sich angefühlt hat, nach beinahe drei Monaten Pause letztes Wochenende wieder drinnen wie draußen Theater zu machen und erleben zu dürfen, Publikum zu begegnen?

Erst einmal scheint die erste Staffel der Chronik der Coronatage in etwa ihr Finale gefunden zu haben.

Was für eine Story war dies nun bislang? Weird Fiction? Katastrophenfilm? Whodunit-Krimi? Politthriller? Die Genres purzeln munter durcheinander. Immerhin gab es eine lehrbuchmäßig steigende und fallende Handlung: Während aber zunächst alles danach aussah, als würden wir unaufhaltsam auf eine Riesen-Tragödie (wie es zumindest der Volksmund so nennt) zumarschieren, hat das Superheldentrio Ziviler Gehorsam, Super-Gesundheitssystem und Globalisierungsgewinner uns doch noch einmal – hier! – den Arsch gerettet.

Mit einem gewissen Comic Relief also, aber in jedem Fall dennoch kein Blockbuster.

Dass die Welt zumindest zu Beginn der Pandemie sich im Pathos einer gemeinsamen großen Erzählung wieder-vereint wähnte, sollte indes nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Corona-Story eine komplett andere ist, wenn sie aus der Sicht marginalisierter Länder oder Milieus erzählt wird. Nicht nur im Westen nichts Neues also, sondern weitestgehend das hinlänglich Bekannte, nur unter nochmals verschärften Bedingungen? Blickt man derzeit auf die Black-Lives-Matter-Proteste, kann man das so auch wieder nicht sagen. Der oft beschworene Vergleich mit dem Zweiten Weltkrieg und seinem Nachhall aber verbietet sich.

(Lesenswert übrigens, was Der Freitag kürzlich unter dem Titel Die Corona-Chroniken schrieb: »Narrative sind konservativ und selten originell.«)

So oder so: Corona hat viele Erzähler. Und, wie wir erneut lernen mussten, eine Menge davon sind zudem im positiven (die Wissenschaft) wie negativen Sinne (die Verschwörungstheoretiker, Populisten und Desinformationsstrategen) unzuverlässig. Während also eine Fraktion schon Vorkehrungen für Corona 2: Revenge of the Virus trifft (Wiederkehr als Farce, natürlich), sieht eine andere bereits das Happy End einer romantischen Komödie gekommen.

Doch hat hierbei auch der Held/die Heldin pflichtgemäß sich verändert? Offenbar schwindet (vergleichbar mit dem Verlauf der Flüchtlingskrise) mit der Rückkehr des Alltags auch die vielbeschworene Corona-Solidarität: Eine repräsentative Umfrage der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg ergab, dass »viele vor allem den Corona-Maßnahmen zustimmen, die ihnen selbst nicht schaden.«

Das verheißt erstmal im Hinblick auf eine andere, komplexere Erzählung unserer Zeit, die Klimakrise und deren möglichen Ausgang, nichts Gutes.
Aber reicht dies schon, meine Tagebucheingangs gestellte Frage zu entscheiden, ob in den Corona-Tagen das Ego-Tier oder das Sozio-Tier Mensch Oberhand gewinnen wird? Nein: Es zeigt vor allem erneut die fortgeschrittene ökonomische Spaltung auf. Auch Einschränkungen und Rücksichtnahmen muss man sich erstmal leisten können. Und es offenbart die Verschärfung einer Situation, die Ernst Bloch einmal die »Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen« genannt hat: Während die einen schon wieder Geschäfte machen, harren die anderen noch in der Quarantäne der Abgehängten aus. Während Finnland das Experiment Grundeinkommen zu Lösung dieser Spaltung vorerst wieder aufgegeben hat, hat Spanien zumindest ein Grundeinkommen für die Ärmsten eingeführt. So wirkt das Virus für die einen als Brandbeschleuniger und Spalter, für andere als eine Art Gleichmacher, nicht bloß im Tode. Irre Geschichte, hybrid wie das Virus selbst.

Eine Frage, die ich mir in letzter Zeit immer wieder gestellt habe: Gilt das Evolutions-Prinzip der natürlichen Selektion eigentlich auch für Gesellschaftsformen? Sind/wurden wir Zeugen eines Bifurkations-Moments, einer Gabelung der Geschichte in den nächsthöheren Komplexitätszustand? Oder ist das wieder bloß Wunschdenken? Darf man, soll man sich das überhaupt, für euch, Kinder, wünschen?

Wir schreiben und lesen uns … irgendwie, irgendwo, irgendwann.

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