Stadtraumintervention | Forschungstheater von Vereinigte Vergangenheiten (geheimagentur München). Staatstheater Nürnberg, 2015

Ab Mitte Mai 2015 zog die geheimagentur mit einem mobilen Checkpoint durch Nürnberg. Denn je härter die globalen Ver- und Unterteilungen umkämpft sind, desto mehr lohnt es sich, auf die kleinen, inneren Grenzen zu schauen, um aus dieser Innenschau Visionen fürs Große Ganze zu entwickeln. Der Checkpoint stellte sich als wandelndes Forum gemeinsamer Grenzforschung und -erprobung zur Verfügung. Unlimited Limited (UNLTD) setzte lustvoll Grenzen aufs Spiel und macht sie damit einer Neuverhandlung zugänglich.

UND? HEUTE SCHON GRENZGÄNGER GEWESEN?
geheimagentur:
1. Klar! Ich bin aufgewacht. Da geht’s ja schon los. Da habe ich die Grenze zwischen Ruhe und Aktivität überschritten. Gleichzeitig bin ich auf der Grenze zwischen Unter- bewusstsein und Bewusstsein gewandelt. Im Aufwachen fahre ich ja sozusagen meine Festplatte hoch und werde jedes Mal wieder neu zu der Person, von der ich glaube, dass ich sie bin. Ich habe heute morgen also schon wieder die Chance verpasst, mein Bewusstsein zu erweitern und einfach mal wer anders zu sein.
2. Ich glaube, man beschreitet ständig Grenzen im Alltag, merkt es aber oft gar nicht. Je nachdem mit wem man spricht, kann auch Kommunikation entweder in gewohntem Gebiet oder auf fremdem Territorium stattfinden.
3. Also vor wenigen Tagen haben wir eine gar nicht alltägliche Grenze überschritten. Wir haben den Checkpoint Charlie von Berlin hierher nach Nürnberg geholt.
DAS HAT EIN BREITES MEDIENECHO HERVORGERUFEN UND FÜR VIEL EMPÖRUNG GESORGT. WAR ES EUER ZIEL, MIT DIESER GRENZÜBERSCHREITUNG ZU PROVOZIEREN?
2. Ja!
3. Das war keine Provokation. Das war Diebstahl.
1. Das war kein Diebstahl. Das war freundliche Übernahme.
SOLLTEN DENN ALLE GRENZEN AUFGELÖST WERDEN?
1. Naja, nüchtern betrachtet ist eine Grenze nicht viel mehr als eine Linie, die zwei Dinge voneinander unterscheidet. Sie zeigt, wo das eine beginnt und das andere endet. Das können natürlich auch Unterschiede sein, die man in Frage stellen kann. Auf jeden Fall dienen Grenzen der Orientierung oder machen Dinge überhaupt erst wahrnehmbar. Wir hätten ganz schön Probleme, uns im Leben zurecht zu finden, wenn es überhaupt keine Grenzen gäbe.
2. Die Frage ist doch, aus welchen Gründen ist eine Grenze gesetzt worden …
1. … und ist sie durchlässig oder ist sie dicht?
3. Und ohne Grenzen gäbe es keine Grenzüberschreitung. Das wäre doch sehr schade, oder?
WAS VERBIRGT SICH HINTER UNLTD?
1. UNLTD will gemeinsam mit den Nürnbergern herausfinden, wo es hier überall Grenzen gibt. Wo sie sich häufen, aber auch, wo vielleicht welche fehlen. Und wir meinen damit nicht nur territoriale Grenzen. Viele greifbare Grenzen sind ja lediglich Materialisierungen mentaler Grenzen.
3. Zum Beispiel kann ich mich fragen: Wie verläuft meine innere Grenze zwischen meinem Wert und meiner Würde? Was gleichzeitig die Frage aufwirft, was genau der Unterschied zwischen diesen beiden Begriffen ist.
UND WIE KAM ES ZU DIESEM PROJEKT?
1. Der Impuls kam eigentlich vor allem aus der Nürnberger Migrationsgeschichte, noch bevor „Grenzen“ durch die zunehmende Zahl von Flüchtlingen zum großen Thema wurde. Die Ironie ist, dass die Grenzen für Waren permanent eingeebnet werden, z. B. mit den TTIP-Verhandlungen. Gleichzeitig werden die Grenzen der Länder, die in den Genuss des daraus gewonnen Wohlstands kommen, dichter. Das zwingt immer mehr Menschen, die Grenzen Richtung Wohlstand zu überschreiten. Der Versuch, das wieder erneut zu begrenzen, ist daher eigentlich absurd.
2. Wir hier drinnen, die da draußen. Dieses Weltbild, das sich da festsetzt, wird durch eine quasi grundsätzliche und alltägliche Untersuchung des Phänomens Grenze zwangs- läufig in Frage gestellt. Spiegeln sich die großen Grenzen nicht bereits im Kleinen? Welche Chancen liegen darin, sich dessen bewusst zu werden?
1. Und um nochmal auf die Flüchtlinge zurückzukommen: Können wir von ihnen nicht mehr Mut zum Grenzgängertum lernen, um gemeinsam den eigentlichen Fluchtursa- chen etwas entgegenzusetzen?
WAS ERHOFFT IHR EUCH VON EURER GRENZFELDFORSCHUNG IN NÜRNBERG?
3. Neue Grenzerfahrungen, Grenzwerte, Grenzfelderkenntnisse. Die werden wir im Rahmen einer Grenzfeldperformance auf dem Festival „Talking About Borders“ zur Weiterverwendung anbieten.
WAS GENAU HABT IHR DENN VON MITTE MAI BIS ENDE JUNI IN NÜRNBERG VOR? WO KANN MAN EUCH IN DIESEM ZEITRAUM FINDEN?
3. Wir werden viel in der Stadt unterwegs sein. Und der Checkpoint wird natürlich eine zentrale Rolle spielen. Zuviel wollen wir aber noch nicht verraten.
WIRD DER CHECKPOINT ZU EINER WANDERGRENZE?
2. So kann man es sehen.
3. Vielleicht muss der Checkpoint auch mal Asyl suchen, wenn’s nachts regnet.
KANN MAN SICH AN UNLTD BETEILIGEN?
1. Unbedingt.
2. Wer sich vorbereiten will, kann schon einmal trainieren, mit einem anderen Bewusst- sein für Grenzen durch den Alltag zu gehen. So kann jeder mit UNLTD ganz ohne unser Zutun bereits anfangen.
1. Da stellt sich dann gleich die Frage: Wann beginnt UNLTD eigentlich? Wo ist der Anfang?
3. Und wird es ein Ende geben?
(IMPULS, Zeitung des Staatstheaters Nürnberg, April/Mai 2016)

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