Fiktionales Erzählen ist im Grunde eine unglaublich konservative, von Regeln verstellte Kunstform. Mehr als zeitgenössische Musik, mehr als Film und weit mehr als bildende Kunst. Am Ende eines jeden Schreibprozesses fühle ich mich klaustrophobisch eingeengt, möchte der Zwangsjacke entfliehen, die ich mir selbst angelegt habe. Dann macht es enormen Spass, gegen jede Regel verschiedene Genres zu mischen und zu hybridisieren.

John Wray

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Das Theater soll uns in bester Biedermeier-Tradition ein ideales Leben vorspielen und uns das Gefühl geben, daran teilzuhaben. Dieses nur notdürftig kaschierte Kuschelbedürfnis hat sich absurderweise auch längst in jenes Theater eingeschlichen, das den Anspruch hat, ein politisches zu sein. Das Theater unserer Tage macht sich der Politik ähnlich, anstatt diese zu unterlaufen oder gar aus der Position der Autonomie, des riskanten Experiments, vielleicht auch des Scheiterns heraus ganz neue Horizonte aufzuzeigen und so andere Lösungsansätze zu entwickeln. Bloß keine Unschärfe. Und schon gar keine Ironie. Keine Verunsicherung. Alles soll seine Richtigkeit haben und gut und nützlich sein. Das Theater als Fortsetzung des Leitartikels.(...) Meine Strategie war stets, dass der Kritisierende sich selbst ins Zentrum der Kritik stellen muss, um glaubwürdig zu sein.(...) Wir sind Ödipus. Egal wie kritisch wir uns mit den Ursachen der Pest auseinandersetzen, wie sehr wir dagegen sind und wie schön wir dies in einem einfachen Hauptsatz formuliert kriegen: Wir sind es selbst! Sich dieser Erkenntnis auszusetzen und damit umzugehen, wäre die Aufgabe des Theaters. Ohne sich hierzu zu verhalten, wird kein zeitgenössisches Theater wirklich politisch und aufrichtig sein. Nicolas Stemann: Wir sind Ödipus. Überlegungen zum politischen Theater der Gegenwart

06:22 BIBLIOTHEK

Du ziehst die Kladde mit der roten Plastikhaut unter deiner zum Kopfkissen zusammengerollten Wolldecke hervor, blätterst sie durch bis zu der Stelle, wo die leeren Seiten beginnen. Du = Bianca hast eine Menge geschafft, aber es gibt immer noch genug zu füllen. Buntstifte oder Wachsmalkreide? Und welche Farbe darf als erste? Oder gar keine? Problem ist, dass deine Träume keine Farbe haben. Die musst du immer dazuerfinden, nicht wahr? Du wühlst einen Bleistift aus dem Ledermäppchen hervor. Das hier wird einfach schwarz-weiß wie ein Zebra, entscheidest du dich. Anatol hat es dir gesagt: Dass man dich kaum zur Kenntnis nimmt, ist ein Los, das du schultern musst. Zu viel Zuspruch würde dich eh nur verderben. Die Zeit wird es richten – und davon hast du ja mehr als die Großen. Wenn einmal der Augenblick da ist, wird ihre Bestürzung über die Frage, wie sie dich nur so lange hatten übersehen können, die Belohnung deiner Geduld sein. Deshalb bist du ja hier in die Bibliothek eingezogen. Weil die Bücher das verstehen: Sie wissen, was es heißt, darauf warten zu müssen, bis sich jemand mit einem beschäftigt. Deine neuen Freunde mit ihren nach alter Erde duftenden Blattkörpern, die Titel und Bilder ein ständiger Schrei nach Aufmerksamkeit, lautlos für die Großen, aber hörbar für dich – gestern war seit Langem wieder eines von seiner Einsamkeit erlöst worden. Wenn du nur das Geheimnis ihrer schwarz-weißen Zeichen zu lüften verstündest, wie die anderen Kinder in deinem Alter, die jetzt endlich die Schule besuchen dürfen. Dann könntest du dich mit Babbo leichter unterhalten. Du musst Geduld haben, Bianca, irgendwann wirst du alles verstehen. Nicht nur das A und das B, das E, I, N und C. Bis dahin verbessere dich weiter in deiner Kunst, hier im Maltagebuch deiner Träume und deiner vielen anderen Leben. Die nämlich, schwörst du dir, wirst du nicht so schnell vergessen, wenn du einmal selbst ein Erwachsener bist!

Aus: Haus der Halluzinationen, S. 46/47. Erhältlich beim Buchhändler Ihres Vertrauens oder jenseits vom Amazonas z.B. bei ocelot, ebook.de, bücher.de oder direkt beim Verlag unter: bestellung@hablizel-verlag.de
Wir glauben nicht, dass man Komplexität auflösen oder beschwichtigen kann, zähmen vielleicht durch Reduktion, dadurch, dass man Knoten zerhaut. Wir glauben, dass Komplexität lebbar werden muss, denn es wird schwerlich eine Welt geben (wenn wir von Katastrophen verschont sind), die weniger komplex ist als die, in der wir leben. Wir glauben sogar, dass es eine Aufgabe von Literatur, von Kunst ist - man kann auch sagen: von Intellektuellen - aufzuzeigen, wie Komplexität eben nicht erschreckend und gefährdend, sondern im Gegenteil belebend sein kann.
Wahre, wichtige Worte über Literatur von Katharina Hacker in ihrer Keynote-Lecture bei E:PUBLISH in Berlin über Fiktion und die Zukunft des Buches. Und dann vergleiche man mit Jan Eggers' Enthüllung des Geheimnisses von social media ... Also wo ist der Ort für (gedankliche) Komplexität im Netz? Das ist die Frage.
Zunächst einmal bleibt zu attestieren, dass da etwas total schief gelaufen ist mit dem Internet. Da lagen Potentiale drin, aber es scheint mittlerweile komplett erfasst von der schnöden Logik des Kapitals, da scheint nur noch die schwarze Sonne der Langeweile. Vielleicht sollte man sich davon abwenden. Hans-Christian Dany: "In einer Utopie der Idioten sehe ich die größte Gefährdung für die kapitalistische Maschinerie" - TELEPOLIS
Das ist natürlich Rhetorik. Deshalb lasse ich das auch mal so unkommentiert zum Nachdenken stehen. Zumindest für Facebook kann ich aber sagen, dass es mich mal wieder im Finger juckt, meinen Account zu löschen. Einerseits, weil ich nach arbeitserzwungener Abstinenz im halten Jahr aktuell nicht so recht wieder reinfinde. Vielmehr sogar feststelle, dass ich es kaum vermisse und die wiedergewonnene Zeit anderweitig gut zu nutzen weiß. Und dann kam noch diese neueste Meldung von netzpolitik.org über die neuesten Änderung der Nutzungsbedingungen, die Nutzer endgültig zu Werbeträgern macht. Aber wahrscheinlich bleibe ich dann doch dabei. Wie ihr alle. Nachtrag am 06.09.:  Nun bezieht also auch Günther Grass Position:
„Ich wundere mich, dass nach diesen neuesten Erkenntnissen nicht Millionen Menschen von Facebook und all dem Scheißdreck distanzieren“.
Na, wenn der das sagt! Oder will er nur konservative Stimmen zur SPD locken? ... ;-) Den Regierungswechsel werden sie wohl trotzdem nicht schaffen ...
Und da ist dieses Buch erschienen, das ziemlich Wind gemacht hat vor zwei Jahren von James Wood, Die Kunst des Erzählens oder Schreibens, glaube ich, How Fiction works . Da ist das alles, diese Machartsfragen, wirklich sehr toll nochmal ausgeführt für die amerikanische und englischsprachige Welt. Da gibt es diesen wunderbaren Begriff vom Commercial Realism , in den die narrativen Standards des 19. Jahrhunderts heute übergegangen sind. Und da dachte ich, ja, das ist es doch: diese Kombination aus Tradition und Trash, aufgeladen mit meiner theoretizistischen Idiosynkrasie. Und das war dann auch wieder so eine klassische Pop-Idee, dass man sagt, der Roman soll nicht mit irgendwelchen äußerlichen theaterhaften Gesten experimentell sein, sondern innerlich. Und das Pophafte wäre, nach außen hin ist es super simpel; aber im Inneren, heimlich: formal experimentell. Das geht dann nur furchtbar langsam beim Schreiben. Rainald Goetz im Gespräch Über "Joahnn Holtrop" mit Ijoma Mangold und Moritz von Uslar: Wut ist Energie - ZEIT.DE
Der schreibende Minsch hingegen ist permanent mit einem Bewusstsein zusammengeschlossen, das mühsam den Dingen ihre Erzählung erst abringen, die Welt in Zeilen überführen, ›herzählen‹ muss, wie man das nach Flusser vielleicht bezeichnen könnte. Wer schreibt, der liest deswegen auch anders. Er sieht in jedem Faktum eine Faktur, eine heuristische Rechnung, die nie ganz aufgeht und mit der man deswegen immer noch einmal von vorne beginnen muss. Mit anderen Worten: Der literarische Mensch erhält ganz von selbst eine dunkle Vorstellung von der subjektiven Verantwortung jeder literarisch repräsentierten Wirklichkeit. (...) Dementsprechend enwickelt der beruflich Schreibende - und selbst dann, wenn er nur politischen Journalismus betreibt - notgedrungen ein problematisches Verhältnis zur rein informationellen, vorgeblich objektiven Wahrheit. Er kann ihr nicht vertrauen und deshalb auch nicht auf ihrer Grundlage handeln.
 
Lesen wir den Plagiarismus der Gegenwart nicht skandalisierend, sondern diagnostisch, nehmen wir ihn in irgendeiner Weise ernst, dann lässt sich ihm eine Botschaft entlocken: Die Zeit der Rechner ist nicht unsere Arbeitszeit. Je stärker wir uns bemühen, unsere Arbeit dem digitalen Zeitalter anzupassen, umso deutlicher tritt zutage, dass unser Denken den Anforderungen der Vernetzung nicht nachzukommen vermag. Wir suchen am Computer die Entlastung und finden die Beschleunigung. Wir erwarten von ihm die Befreiung zur Arbeit und erhalten die Negation von Arbeit. Wir versprechen uns von ihm die Freiheit der Rede und vergessen dabei,  dass es unsere eigene Rede sein sollte, die man da vernimmt, dass wir selbst es sind, die wahrgenommen werden wollen. (...) Systematisch verlernen wir im Rausch der Geschwindigkeit nach und nach alle Fähigkeiten literarischer Aneignung: Wir lesen nichts mehr, was nicht durch einen schaffensrelevanten Kontext verlinkt ist; wir merken und notieren uns nichts mehr, weil onehin alles mühelos wieder aufgefunden werden kann; wir lesen keine längeren zusammenhängenden Texte mehr und mehrfach lesen wir gar nichts mehr. Und weil wir uns nichts mehr aneignen, wollen und können wir auch selbst nichts mehr zu eigen haben. Philipp Theison: Literarisches Eigentum. Zur Ethik geistiger Arbeit im digitalen Zeitalter. Stuttgart: Alfred Kröner, 2012, S. 74 und 123f.
Endlich spricht es mal jemand aus:
Wer sich mit der Cut-up Technik von Burroughs anfreunden kann, ist der Zukunft des Schreibens und der Kommunikation näher als alle Gralswächter der Theorie je sich wähnten. Siggi Becker: Schwung der Figur im wendenden Punkt
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