Nun haben wir uns also ein Kontaktverbot eingefangen. Interessante Schönrednerei von »Ausgangssperre«. Werde ich mir merken für den Fall, dass ich irgendwann in den Jahren AC (After Corona) gegenüber meinen Kindern (9 und 5) in die Situation komme, ein Hausarrest aussprechen zu müssen. Man will ja mit logischen Folgen statt Strafen erziehen, heutzutage.

Hat uns Mama Merkel also alle in ein familiäres Escape Room Game versetzt.

Nur: 1.) Wissen wir nicht, wann dieses endet. 2.) Erschließt sich die Aufgabenstellung nur allmählich – und ist auch eher trocken. Eine davon scheint zu sein, regelmäßig auf Landkarten mit sich täglich vergrößernden Blasen und steigenden Zahlen zu starren. 3.) Wechseln die Regeln und Anforderungen beinahe täglich.

Ein »Adventure« kann man es dennoch nennen. Aber ein »Spiel«?

Improvisation wäre eine Lösungsstrategie. Wer improvisiert schneller, entschiedener, härter? Scheint ja selbst CSU-Spitzenpolitiker irgendwie sexy zu machen.

Wir haben das mit dem Improvisieren auch einen Tag lang versucht (Montag vor einer Woche) und mussten feststellen: Nicht unser Ding.

Wir sind eben Eltern.

Es musste also ganz schnell ein Stundenplan für die neue Situation Kevin leider nicht mehr allein zu Haus her:

  • 6:30 Eltern-Aufstehen. Halbe Stunde später, als BC (Before Corona) – super, immer positiv denken!
  • 7:00 Allein die Ruhe genießen, Lesen können! Stattdessen zwanghaft Corona- Updates tanken.
  • 7:30 Die Kinder dazu. Frühstück, Lagebesprechung. Wäsche in die Waschmaschine.
  • 8:00 Beginn Home-Office mit rhythmischer Begleitung. Linkes Ohr: Handwerker bohren und hämmern in der Nachbarwohnung, die passenderweise die nächsten zwei Monate über saniert wird. Rechtes Ohr: Springende Flummis; Lavinengeräusch sich auf den Boden ergießender Spielzeugkisten; Türenschlagen durch die Wohnung jagender Kinder.
  • 9:00 Schularbeiten, gottseidank! Blöderweise mit uns als Aushilfslehrer.
  • 10:30 Kinder → unbedingt raus in den Garten! Jetzt aber endlich produktives Home-Office! Blöderweise geht der Plan nicht auf, da die Schularbeiten effektiv doch bis 11:30 benötigen.
  • 11:30 Sondersendung mit der Maus. Statt Home-Office: Hausarbeit – z.B. Wäsche checken, umladen, zusammenlegen.
  • 13:00 Mittagessen. Insofern irgendjemand zuvor gekocht hat, statt Home-Office oder Wäsche zu machen.
  • 14:00 Kreativzeit (Basteln) und/oder Schularbeiten II. Bei schlechtem Wetter, scheiß drauf: Nochmal was mit TV, eigentlich wenigstens Bildungsfernsehen, aber die Kinder bestehen auf Tom&Jerry – drittes Begleitgeräusch im Home-Office.
  • 15:00 Kinder → unbedingt raus in den Garten! Jetzt aber wirklich! Auch wenn die Temperaturen wieder gefallen sind. Währenddessen statt Home-Office: Dieses Tagebuch tippen. Gut, dass ich Freelancer bin. Kann ich behaupten, das sei Arbeit. Auch wenn es nix zum Familieneinkommen beiträgt.
  • 16:00 Mist. Es hat noch niemand wieder eingekauft. Klo, Bad und Küche müssten vor Benutzung auch mal wieder geputzt werden. Und die Kinder Flur und Wohnzimmer aufräumen, damit sich niemand das Genick bricht, bloß weil er/sie auf Buntstiften ausgerutscht ist. (Dass die Kinderzimmer zeitnah auch aufgeräumt werden, ist eh illusorisch.)
    Also dies alles angeschoben und ab hier dann doch mit Improvisation weiter. Home-Office erst wieder, wenn die Kinder im Bett sind. Was später als zu BC-Zeiten passiert, weil sie ja jetzt auch später aufstehen. Morgen früh direkt nach dem Aufstehen dann lieber doch gleich was wegschaffen im Home-Office.

Wie ruhig war da das Wochenende! Zeit gehabt, mit zweidrei Freund*innen zu telefonieren, zu denen der BC-Alltag den Kontakt länger unterbrochen hatte.

Alle sind gefasst, realistisch, im Rahmen der Möglichkeiten aktiv.

Wir werden es jetzt auch: Gestern den Plan geschmiedet, uns jetzt auch so ein hippes Kindertrampolin für den Garten liefern zu lassen.

Schutzschirmprogramm zur Vermeidung künftiger Kreditaufnahmen für eine Familientherapie.


Heute antizyklisch wiederaufzunehmende Lektüre – wenn ich Zeit dafür hätte: Michael Hardt/Antonio Negri: Assembly. Campus, 2018.

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