Jetzt fast ne Woche hier zu keinem Eintrag mehr gekommen. Corona und wir – die Beziehung tritt in die Phase, wo Zauber und Glanz der ersten wild-aufregenden Tage mit der neuen Liebe zunehmender Ernüchterung und Gewöhnung, Alltag eben weicht. Hinkt jetzt vielleicht mehrfach, der Vergleich, aber ihr wisst schon. Irgendwie war‘s, als hätten wir katastrophengeil das Ganze auch ein bisschen begrüßt, um uns selbst wieder zu spüren, ohne schlechtes Gewissen ausbrechen zu können aus den Strukturen, wieder hinein ins riskante Abenteuer Leben. Luxusproblem.

Ich kam aber auch deshalb zu keinem Eintrag, weil ich den ToDo’s noch mehr hinterherrenne als sowie schon. Erst jetzt, ausgerechnet am Tag der Arbeit, wegen des Tags der Arbeit, ist wieder ein Momentchen Tagebuch-Zeit. Irgendwie schaff ich es trotz 8h, die ich die Kinder täglich alleine habe, auf dann trotzdem noch gut 35 Wochenstunden Homeoffice zu kommen. Ständig Hoffen Bangen Mailen Informieren, wie, wo und ob es mit Theater weitergehen kann. Bei all den Diskussionen über Lockerungen bisher wenig bis kaum Worte zu meiner Branche – obwohl gewiss nur in wenigen Festivalfällen eine »Großveranstaltung«. Na wenigstens gibt es nun etwas Entspannung, wenn Zoos und Spielplätze wieder freigegeben sind.

Die permanenten Ungewissheiten Unwägbarkeiten aber zermürben. Unplanbarkeit sind wir nicht mehr gewohnt. Dabei war dies einmal die durchschnittliche Erfahrung früherer Generationen. Die haben wir uns mit unseren Gadgets abtrainiert. Umso ironischer, dass es nun vor allem diverses Apps gegen Corona richten sollen. Der Technikglaube sucht noch immer seinen Nietzsche.

Statt jetzt mal wirklich etwas Luft aus dem Ballon zu lassen, ständig noch weiter hineinpusten. Immer irgendwas produzieren besprechen texten informieren streamen, wie zum Beweis, dass man immer noch da ist, vorkommt, wichtig ist, weiter macht. Wieder mit sich selber allein sein zu können, sich selber aushalten, Stille und Stillstand genießen, Phantasien nachhängen, Gedanken schweifen lassen, gefährliche Ideen ausbrüten – das könnte man jetzt wieder lernen. Stattdessen kommt man entweder vor lauter ToDo‘s schlicht nicht dazu. Oder man meint, sich das bisschen Auszeit gerade jetzt am allerwenigsten erlauben zu können. Also noch mehr hamsterradeln und sich überproduzieren.

Fundstück zu einer anderen Katastrophe in Joshua Cohens Buch der Zahlen, das hierzu irgendwie passt (auch wenn ich mich sonst eher so durchquäle, aber ein Buch wirklich abgebrochen habe ich bisher noch selten, da bin ich buchhalterisch):

»Dabei war die weitreichendste Offline-Auswirkung des 11. Septembers der Dauerkontakt, zu dem das Ereignis animierte. Am 12. September gingen alle los und kauften sich Telefone. Mobilgeräte, Handys. Den Kontakt verlieren war plötzlich der Tod, und für alle, die sich begraben fühlten, ob unter Information oder Schutt, galt das letzte Gebet einem Netz, das stark genug war, ihre letzten Worte auf Voicemail bewahren zu können.«

Joshua Cohen: Buch der Zahlen. Frankfurt am Main: Schöffling & Co, 2018.

Wir werden uns also weiterschreiben und -lesen.

Heute haben wir in OF die 100ste bestätigte Infektion. 7 sind gestorben, die kumulierte Inzidenz liegt bei 77, die zweitniedrigste Hessens. Doch kein Drama, hier, das alles?

Das Virus arbeitet ohne Pause weiter – in uns.

Back to Top