Ich hatte das ja schon für den ersten Mai befürchtet, nun ist es letzten Samstag passiert. Ausgerechnet am »Tag der Befreiung«, ausgerechnet nach den doch überraschend weitgehenden Lockerungsmaßnahmen, die Mitte der Woche beschlossen worden waren, bildet sich nun in mehren Städten eine Art Querfront gegen die merkelsche »Corona-Diktatur«.

Befeuert wird, was Medien bereits als »Bewegung« schon wieder teilweise unnötig größerstilisieren, nicht nur von den üblichen Zweiflern, Alternativwisenschaftlern, Pegidianern, Verschwörungssüchtigen, Impfgegnern und regelmäßig wiederkehrenden Borispalmerismen der letzten Wochen, sondern nun u.a. auch aus meinem (vom Lockdown schwer gebeutelten) Theatermilieu; vor allem von älteren Herren nach der männlichen Menopause und hysterisierten Agamben-Lesern, die sich da noch einmal vor dem Ruhestand als Widerstandskämpfer in Szene setzen: Wenn einer wie Castorf sich von der Kanzlerin nicht sagen lassen möchte, dass er die Hände waschen muss. Oder einer wie Wiesbadener Intendant in seinen Solo-Diskursen mit großem Theaterpathos deklamiert:

»Sofort und jetzt soll das Grundgesetz wieder gelten. Ja. Ja. Ja. Sofort und jetzt beginnen wir den Kampf gegen jede Form von Diktatur. Sofort und jetzt leben wir unsere Freiheit für unser Leben und einen selbstbestimmten Tod. Wir, als endliche Macht, überlassen keine Krise den Mächtigen, die sich übergeordnet fühlen. Wir stehen auf! Wir sind selbstbestimmt! Wir leben, wie wir wollen! Jetzt. Jetzt. Jetzt. Und immer.«

Ja, liebe Söhne: Wenn ihr das hier in vielleicht zehn Jahren lest: Es war wirklich irgendwie auch alles ein Groß-Kindergarten. Und was für ein Theater!

Es ist eine merkwürdige Moral, die ein »Recht auf Infektion« einfordert, als wäre das dasselbe, wie Rauchen oder 200 kmh auf der Autobahn. Ja, wir pflegen einerseits einen zunehmenden Gesundheitsfetisch, und ja, wir nehmen zugleich 3000 Verkehrstote im Jahr ohne Schulterzucken hin. Wir regulieren den Drogenkonsum des Einzelnen, lassen zugleich aber die großen Feinstaubproduzenten gewähren. Und der vernetzte Kühlschrank, der registriert, dass ich mich allzu ungesund ernähre und dies postwendend meiner Krankenkasse meldet, woraufhin diese wegen meiner unsozial riskanten Lebensweise die Beiträge erhöht, ist leider auch kein total unrealistisches Zukunftsszenario.

Es ist eine Bigotterie.

Doch ist es ebenso bigott, mit Verweis auf die Menschenwürde und »das gute LDoch ist es ebenso bigott, mit Verweis auf die Menschenwürde und »das gute Leben« ein Recht auf Gesundheitsschädlichkeit und uneingeschränkte Kunst einzuklagen und dabei außer acht zu lassen, dass man damit im Falle Corona eben auch selbst zur konkreten Bedrohung für andere wird. Die potentiellen Corona-Toten gegen die potentiellen Wirtschaftstoten aufwiegen zu wollen, ist keine der Sache angemessene Grundrechenart. Und wenn diese Krise eines eindrücklich wieder lehrt, dann, dass es für sowas keine einfachen Antworten gibt. Nur die dilemmatische Wahl zwischen Pest (übrigens nicht nur ein Buch, sondern auch ein Theaterstück von Camus!) oder Corona. Gerade Theaterleute sollten das eigentlich wissen, es steht in ihren griechischen Klassikern.

Was sind das für Querfront-Linke, die das Soziale plötzlich ihrem persönlichen Liberalismus zu opfern bereit sind? Mit einer ähnlichen Idee von Freiheit versucht ja auch ein rechtskonservativer Teil der Amerikaner ihr »Recht auf Selbstverteidigung« zu legitimieren. Mit den bekannten Folgen. Freiheit ist aber immer auch die Freiheit der trotzdem nicht kollateral sterben wollenden anderen.

Nicht falsch verstehen, eine APO 2.0 wird dringend gebraucht in diesen Zeiten. Große Koalition haben wir eh schon zu lange. Und das teils wenig transparente, irritierend einmütige, immer mit einer gewissen Verspätung erst sich erklärende Handeln der Entscheidungsträger in den ersten Corona-Tagen; die Auflösungen von Demonstrationen, auch wenn sie sich um Abstandsregeln bemühten – all dies sollte eine APO sowieso notwendig zur Folge haben.

Dass aber letzten Samstag u.a. ausgerechnet der thüringische Eintagsministerpräsident Kemmerich mitmarschierte und dann wieder so tat, als hätte er sich nur verlaufen: Nachtigall, ick hör dir trapsen …

Den Anteil, den die Spanische Grippe an den Wahlerfolgen der Nazis in den 30ern gehabt haben könnte, hat übrigens ein Ökonom der Federal Reserve Bank of New York jüngst untersucht. Auch hier ist die Antwort nicht eindeutig. Aber die Frage schon bedenkenswert.

Vor allem aber sollte eine APO 2.0, statt den eigenen Status quo gegen nur ausgedachte Verschwörung zu verteidigen, sich gegen die konkreten »Verschwörungen« richten: Gegen die Lobby-Privilegien für den Fußball, obwohl sich doch überraschenderweise eine Mehrheit gegen die Wiederaufnahme von Bundesliga-Geisterspielen ausgesprochen hat. Gegen die Versuche der Autoindustrie, sich ihr Weiter-so erneut alimentieren zu lassen. Gegen Konzerne wie Adidas und Co, die trotz hoher Gewinnmargen bereits zwei Wochen nach Beginn der Krise Mieten aussetzen wollten. Und vor allem natürlich für eine postwachstumsökonomische Klimapolitik.

Noch wollen die Mitläufer von »Widerstand 2020« nur provozieren, ihr Empör-Ego pflegen, ihren Frust in Lust verwandeln. Was aber, wenn eine jetzt wieder steigende Reproduktionsrate Rücknahmen der Lockerungen erfordert und den zunehmenden Quartantänekoller-Dachschaden in reellen Sachschaden, danach Gewalt gegen Menschen verwandelt? Dann hätten sich diesmal unverhofft auch Leute jenseits der AfD mitschuldig gemacht.

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