Von Unkultur und Trotzkultur – Chronik der Coronatage (24): Donnerstag, 16.04.2020

Die gestrigen Aussagen zu den ersten Corona-»Lockerungsübungen« belegen leider, auch Dank Leopoldina, dass auch die Sorgen und Nöte, damit zugleich auch die tröstenden, sinnstiftenden, verbindenden Funktionen der Kulturbranche aktuell komplett vom Radar der Relevanz verschwunden sind. Leider macht das Virus nun auch ein Wort Heiner Müllers wahr, der dieses aber als Selbstkritik wie potentielle Streikform verstanden wissen wollte: EINZIGE MÖGLICHKEIT HERAUSZUFINDEN WAS EINE ANTWORT SEIN KÖNNTE DARAUF ALLE...

Vom Mit-Kindern-Sein – Chronik der Coronatage (23): Mittwoch, 15.04.2020

Alles, was ich heute mir zu schreiben vornahm, haben bereits andere geschrieben. Sowieso der Hinweis der taz: Es gebe inzwischen zu viele überflüssige Corona-Tagebücher. Ich stellte ich mir schon am 24.03. die selbstkritische Frage. Ob die dort gefundenen Antworten überzeugen – insbesondere jene, die behauptet, es sei weniger für’s Jetzt, denn mehr für meine Kinder später einmal zum Nachlesen? Statt weiterer Über-Selbst-Produktion daher heute schlicht zwei quasi komplizenhafte...

Von der Pessachbotschaft der Pandemie – Chronik der Coronatage (22): Sonntag, 12.04.2020

Dass es ausgerechnet eine weltweite Seuche ist, die jetzt einen der größten feuchten Träume des globalisierten Kapitals kompromisslos auslebt: maximal freie Bewegung für Waren bei maximal unfreier Bewegung von Menschen. Wiederauferstehung von Gesellschaft aus der Virusstarre, die mehr als bloße Rückkehr zum status quo ante, wirklich ein Auszug aus dem aktuellen Ägypten wäre: zuvor ein paar Wochen lang kompromisslos den Traum auch des maximalen Gegenteils ausgelebt zu haben.

Vom V wie Vau Weh (3) – Chronik der Coronatage (21): Donnerstag, 09.04.2020

»Spread«, verrät mir die Wikipedia, hat nicht nur eine virologische, sondern auch eine wirtschaftliche Bedeutung. Dort meint es die »Spanne, Spreizung oder Differenz zwischen zwei vergleichbaren ökonomischen Größen.« Gewinnspannen, Zinsniveauunterschiede, Kreditaufschläge, Renditedifferenzen. Spreads gibt es u.a. auch als Optionsstrategie im Termingeschäft: Hierbei wird auf sich V-förmig ändernde Kurse spekuliert. Man wettet gegen die Zeit entweder auf den Scheitelpunkt oder den Rückkehrpunkt in der V-Kurve. Wer den V-Verlauf korrekt...

Vom Diskurs der Verordnung – Chronik der Coronatage (20): Dienstag, 07.04.2020

Die letzten Nächte wildwirr geträumt. Das Ich in irgendwelchen Rettungseinsätzen, bei Schutzmaßnahmen, auf der Suche nach einer neuen Unterkunft, warum auch immer. Nachts trainieren wir fiktiv-mögliche Verhaltensweisen bei einer möglichen Eskalation der lebenswirklichen Grundsituation – probieren Überlebenslösungen. Sie aufzuschreiben, dazu bin ich leider nicht gekommen. Der Tag ist aus dem Rhythmus, aber die alltäglichen Dinge gehen weiter. Draußen knospen hellgrün die Bäume, die Kirsche im Garten (und noch...

Vom Euro-Bondage – Chronik der Coronatage (19): Samstag, 04.04.2020

Aktuelle Europa-Politik wird mit BDSM statt ESM plötzlich sehr anschaulich erzählbar: Eine Mehrheit will das unbedingt – funktionieren tut’s aber nur, wenn auch alle aus freien Stücken mitzumachen bereit sind. Man stelle sich die beteiligten Akteure vor: Politiker u.a. der »Eurogruppe«, polymorph-perverse Wirtschaftsweisen, bonierte Banker; all diese Leute mit Nadelstreifenanzug-Fetisch eben … Wer will hier gefesselt werden? Wer diszipliniert und schränkt die Bewegungsmöglichkeiten ein? Wer bellt Befehle? Wer...

Von den Aprildeutschen – Chronik der Coronatage (17): Mittwoch, 01.04.2020

Heute, am 1. April, höre ich im Radio, Aprilscherze seien jetzt hier und da verboten. Die Suchmaschinen im Netz spucken aus: Erfurt habe am 1. April wegen Corona die Namen Carola und Corina verboten. Darf man in solchen Zeiten überhaupt Aprilscherze machen? Fragt man sich in den sozialen Netzen, lese ich, heute, an anderer Stelle. Und: Das Bundesministerium für Gesundheit habe doch bereits gestern eine Scherzwarnung herausgegeben und...

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